...zumindest ist es nicht bekannt. Aus welchem Anlass hätte er eigentlich fahren sollen?

Als die Mariefred oder Maja, wie sie allgemein von den Leuten in Mariefred genannt wird am 14. April 1903 ihre Jungfernfahrt von Stockholm nach Mariefred machte, war sie keineswegs das einzigartige Schiff von heute. Damals wurde der Mälarensee von etwa 50 Dampfschiffen auf verschiedenen Routen befahren. Vor 100 Jahren hätte der damalige schwedische König Oscar II eine grosse Auswahl an Schiffen gehabt, wenn er an einer Schiffsreise interessiert gewesen wäre. Die Mariefred war zwar ganz neu und auch auf dem oberen Deck mit einem eleganten Restaurant 1. Klasse versehen, aber sie war eigentlich doch nur eines von vielen halbgrossen Schiffen, welche die Anlegebrücken und Ortschaften am Mälarensee anliefen. Die Bezeichnung "Touristendampfschiff 1.Klasse" in der Zeitung von Mariefred war also auch mit den

Grössenvorstellungen der damaligen Zeit gemessen deutlich übertrieben.
Wie die anderen Dampfer war die Mariefred nicht nur für den Passagierverkehr bestimmt. Die Schiffe frachteten auch Gemüse, Obst und Fisch von den grösseren Gutshöfen im Mälarental nach Stockholm. Ausserdem wurde die Route Stockholm - Mariefred

nicht nur von der Mariefred befahren. Hier segelte bereits Das Dampfschiff Gripsholm, und die Konkurrenz verschärfte sich. Zwei Jahre nach der Jungfernfahrt der Mariefred beschlossen die beiden Reedereien zusammenzugehen. Das neue Unternehmen bekam den Namen Gripsholms-Mariefreds Ångfartygs AB (GMÅA). Nach wie vor hält das Unternehmen unter dem gleichen Namen den Verkehr aufrecht. Die Gripsholm ist dagegen schon lange verschwunden. Gut ging die Gesellschaft selten. Schon in den 20er Jahren begann man ernsthaft die Konkurrenz von Autos, Bussen und Lastwagen zu spüren, und 1927 schüttete das Unternehmen zum letzten Mal Gewinn aus. Dank der Touristensaison im Sommer hatte man in den 30er Jahren zwar keine Verluste, aber Gewinne machte die Gesellschaft auch nicht. Mehr und mehr Reedereien gaben auf, und die

einst so stolze Mälarensee-Flotte schrumpfte von Jahr zu Jahr. Entweder wurden die Schiffe verkauft, umgebaut oder gar verschrottet. Mit dem 2. Weltkrieg kam der Wendepunkt. Die Rationierung von Benzin und Gummi trug zum Wiederaufschwung des Dampferverkehrs bei, und die Gesellschaft konnte zum ersten Mal seit 15 Jahren wieder schwarze Zahlen aufweisen. Sobald aber der Kanonendonner über Europa aufhörte, ging es wieder bergab. Es wurde deutlich, dass die Ära der Dampfschiffe zu Ende war. Die Mariefred dampfte zwar Sommer um Sommer tapfer weiter, doch blieb die finanzielle Lage schwierig. Jede Verkehrssaison endete mit neuen Verlusten. Im Jahre 1965 war die Kasse leer und die Stiftung "Schärenboote", ein ideeller Verein zur Erhaltung und Unterstützung der verbliebenen Dampfschiffe, übernimmt den grössten Teil der Aktien der Gesellschaft.

Besonders viel Geld hatte die Stiftung auch nicht, aber umso mehr Engagement, guten Willen und Ehrgeiz. Und das kann wie wir sehen werden manchmal Wunder bewirken...
Die 80er Jahre hätten nicht schlimmer beginnen können für die Mariefred. Ein Brand an Bord im Frühjahr 1980 und der notwendige Austausch des 79-jährigen Dampfkessels einige Jahre später verursachten neue Kosten. Diese Ausgaben konnten grösstenteils mit Hilfe von freiwilligen Beiträgen und ideellen Einsätzen beglichen werden. Als die Mariefred, restauriert und mit einem neuen Dampfkessel versehen am 8. Mai 1983 zu ihrer ersten Fahrt der Sommersaison startet, wird überall an den Kais begeistert salutiert, besonders im Heimathafen in Mariefred. Seit 80 Jahren fährt die Mariefred nun auf derselben Linie - das soll mal einer nachmachen!

Genau elf Jahre später, am 8. Mai 1994, salutiert hingegen niemand. In den Radionachrichten früh morgens heisst es "Das ahnenstolze Dampfschiff Mariefred wurde gestern nacht wieder einmal von einem Brand heimgesucht. Die Feuerwehr kam zwar schnell zur Anlegestelle Stadshuskajen in Stockholm, dennoch war der Schaden gross". Einer der Vertreter der Stiftung, Karl Dingertz kommentiert die verheerende Szene: "Vor uns haben wir das total ausgebrannte Restaurant, welches vor 14 Jahren aus brandsicherem

Material gebaut werden sollte. Der Damensalon im oberen Deck ist auch total ausgebrannt und dieser Raum war beinahe im Originalzustand..."
Es sah wirklich so aus, als wäre das 91-jährige Märchen zu Ende. Aber wieder einmal stellte sich heraus, dass ideelle Aktivitäten selbst ein Wrack wieder seetüchtig machen können. Noch am gleichen Tag konnten am Kai mehr als 5000 Kronen eingesammelt werden. Das war ein erster Beitrag zum Wiederaufbau, der acht Wochen dauerte und rund 1,5 Mill. Kronen kostete.

Am 2. Juli 1994 ging dann die erste Fahrt mit der restaurierten Mariefred von Stockholm nach Mariefred. Es war fantastisch zu sehen, mit welcher Begeisterung so viele Menschen das Schiff empfangen haben, ähnlich wie in den Jahren 1903, 1980, 1983 und 1993. Doch scheint der Empfang am 2. Juli 1994 der grösste in der 91-jährigen Geschichte des Schiffes gewesen zu sein.

Als das Schiff wieder im Heimathafen ankerte, gab es grossen Applaus unter den Tausenden von Mariefred-Bewohnern, die alle zum Wiederaufbau beigetragen hatten. Nach vielem Ach und Krach befand sich das Schiff wieder auf seiner Route, so wie jeden Sommer seit 1903".